Leseprobe

Deutsche Söldner in Amerika – Einsatz fern der Heimat

Mehr als 30.000 deutsche Soldaten kämpften auf der Seite der Briten im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783). Bis heute begleitet sie der Ruf, verratene und verkaufte Landeskinder gewesen zu sein. Aber entspricht das der Wahrheit?
 
Deutsche Söldner in Amerika – Einsatz fern der Heimat © picture alliance / akg-images


Wie die Rekrutierung deutscher Soldaten für fremde Kriegsschauplätze ablief, davon hatte man noch im 19. Jahrhundert eine klare Vorstellung. Die ließt sich etwa wie folgt: In einem der zahlreichen deutschen Kleinstaaten sitzt eine Familie nichtsahnend am Herd oder plagt sich bei der Feldarbeit, als sie ungebetenen Besuch erhält: Es sind die Menschenfänger des Landesherrn. Sie selektieren gnadenlos die jungen Männer, um sie in einen Krieg zu schicken, von dem keiner von ihnen zuvor etwas gehört hatte. Nach Amerika soll es gehen! Sie werden wie Sklaven an fremde Herrscher verliehen – damit die heimischen Regenten weiter ihre aufwendige Hofhaltung pflegen können. Wer aufbegehrt, wird mit Gewalt auf Linie gebracht. Kinder verlieren ihre Väter, Frauen ihre Männer, die Gehöfte verkommen. Verewigt wurden solche Szenen in Bildern und dramatischer Dichtung, wie in Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“. Der Einsatz der deutschen Hilfstruppen im Amerikanischen Bürgerkrieg – er galt als der Sündenfall der deutschen Fürsten.
Doch die Originaldokumente jener Zeit widerlegen dieses Klischee. Sie sprechen von schärfsten Verboten, bei der Anwerbung neuer Rekruten Zwang oder Gewalt anzuwenden. Werbeoffiziere wurden angewiesen, die künftigen Garnisonen in möglichst idyllischen Farben zu malen und „Amerika“ als besondere Attraktion anzupreisen. Zudem waren die Werber gezwungen, sich gegenseitig bei den Handgeldern zu überbieten – so umworben nämlich war die knappe Ware Soldat tatsächlich.
 
Soldatenverleih – im 18. Jahrhundert normal
 
Die Rekrutenwerbung jener Zeit war also bei Weitem nicht das unmenschliche und raubzugartige Geschäft, als das sie so oft dargestellt wird. Auch die sogenannten Subsidienverträge, wie sie das an Truppen notorisch klamme Großbritannien bald nach Kriegsbeginn mit seinen deutschen Verbündeten aushandelte, waren Teil einer etablierten Praxis. Zwar hatte es in diesem konkreten Fall Stimmen im britischen Parlament gegeben, die sich explizit gegen deutsche Soldaten aussprachen, weil man fürchtete, diese könnten massenhaft zu ihren schon in den Kolonien lebenden Landsleuten desertieren. Doch letztlich blieb London nichts anderes übrig; auch weil die zehntausend Russen, die man sich ursprünglich gewünscht hatte, von Zarin Katharina II. nicht freigegeben wurden.
Also sandte man Emissäre nach Deutschland, und immerhin sieben der dortigen Fürsten folgten dem Ruf. Sie stellten 30.000 Mann – mehr als ein Drittel der Soldaten, die im Verlaufe des Krieges für England kämpfen sollten. Das größte Kontingent kam aus Hessen-Kassel, einem Söldnerstaat, dessen Militarisierungsgrad zu jener Zeit selbst den von Preußen in den Schatten stellte. Sein stehendes Heer konnte einfach abkommandiert werden. Das heißt aber nicht, dass nicht dennoch neue Rekruten geworben wurden – und zwar (wie von den anderen Subsidienstaaten auch) vor allem außerhalb der eigenen Landesgrenzen. Denn kein absolutistischer Monarch sah es gern, wenn er auf Dauer seine Untertanen verlor. Zumal fast jeder zehnte Soldat auch noch seine Ehefrau mit auf die Reise nahm. Es war daher allerorten üblich, in den ausmarschierenden Verbänden so viele Landeskinder wie nur möglich durch „Ausländer“ zu ersetzen.
Und der Zulauf aus dem ganzen Reich war rege; Geldnot und Karrierestreben die häufigsten Motive. In den Quellen finden sich aber auch Soldaten wie Adolph Schulze aus Stadtoldendorf, die gingen, weil sie sich „mit der Frau und dem Schwiersohn nicht vertragen“ konnten. Tatsächlich zwangsrekrutiert wurden aber auch Problemfälle wie Peter Hichen aus Königslutter, den der städtische Magistrat zu den Soldaten steckte, weil dieser „ein wüstes Leben führe, für seine Frau und Kinder gar nicht sorge, und das wenige, was sie von ihrer Großmutter etwa erben könnten, auch aufzehren werde.“ – Abkommandierung als Sozialpolitik.
 
Auf amerikanischem Boden
 
Im Übrigen konnte es London nicht schnell genug gehen, die angeheuerten Soldaten zu verschiffen. Schon im März 1776 verließen die ersten Truppentransporter Bremerlehe (das heutige Bremerhaven-Lehe), denn auf der anderen Seite des Ozeans drängte die Zeit: Nicht nur die 13 Kolonien hatten inzwischen von der British Army geräumt werden müssen, auch Kanada drohte vom Mutterland abzufallen. Die Landung auf Long Island im August 1776, an der auch erstmals deutsche Truppen teilnehmen sollten, war der Auftakt der großen Gegenoffensive.

Seiten

Weitere Themen aus dieser Rubrik

Sturmgeschütz III – Die Allzweckwaffe des Heeres

Ursprünglich sollte das Sturmgeschütz III die vorrückende Infanterie unterstützen, doch im Laufe des Krieges wurde es immer öfter als „Panzerersatz“ eingesetzt... weiter