Leseprobe

Deutsche Söldner in Amerika – Einsatz fern der Heimat

Seiten


Von ihren angemieteten Kameraden befürchteten die Briten anfangs, dass sie sich auf dem Schlachtfeld allzu zaghaft verhalten würden, doch schon der erste Gefechtseinsatz der Hessen belehrte sie eines Besseren: Bei Flatbush (27. August 1776) überrannten die Männer des Generals von Heister die untrainierten Amerikaner, als diese ihre Musketen nachluden. Dabei verloren die Hessen nur zwei Tote und 26 Verwundete; 450 „Rebellen“ wurden als Gefangene eingebracht, tausende mehr flohen in die Wälder. Für jene, die sich ergaben, hatten die Sieger, die sich selbst zumeist am klassischen militärischen Standeskodex orientierten, nicht viel übrig. „Unter den Gefangenen“, schrieb der hessische Oberst Heinrich Anton von Heeringen, „sind viele sogenannte Obersten, Oberstlieutenants und Majors, auch andere Officiere, die aber aus lauter Handwerkern, Schustern, Perückenmachern, Barbieren u.ä. bestehen. Einige sind tüchtig von unsern Leuten geprügelt worden, welche solche Leute gar nicht vor Officiere wollten passiren lassen.“ Und zu einem anderen Trupp: „Sie hatten alle das Gewehr verkehrt geschultert, den Hut unter'm Arm, fielen auf die Knie und baten flehentlichst um ihr Leben. Kein Regiment ist ordentlich montiert oder armiert; ein Jeder hat ein Hausgewehr, so wie der Bürger in Hessen auf Pfingsten ausmarschirt.“
Das also waren die ersten Eindrücke von Washingtons Armee. Für die meisten Deutschen waren die Amerikaner ohnehin kaum mehr als ungehörige Untertanen, denen der eigene Wohlstand zu Kopf gestiegen war. Dies sahen vor allem jene so, deren Heimatländer noch unter den Folgen des Siebenjährigen Krieges litten. Sie hatten für die Rebellion kein Verständnis, und erst Recht nicht, solange die „Reaktion“ noch gut voranschritt. Doch das Gefecht um Flatbush sollte nicht das Muster für den Rest des Krieges bilden.
Die strategisch wichtigen Niederlagen von Trenton (1776) und Saratoga (1777) begruben die Träume von einem schnellen Sieg. Erstere kostete die Hessen drei vollständige Regimenter, letzerer fielen nahezu die gesamten Braunschweiger und Hanauer Kontingente zum Opfer. Jedweder Enthusiasmus war danach verflogen, im Allgemeinen richteten sich die Deutschen fortan in ihren Lagern ein. Sie unternahmen nur noch einige wenige Expeditionen, prügelten sich mit ihren britischen Kameraden, bauten Gemüse an oder erforschten die exotischen Indianer. An den großen Feldzügen von 1780/81, die in der Kapitulation von Yorktown gipfelten, nahmen nur noch wenige Elitetruppen teil.
 
Ungewohnte Taktiken
 
Hierzu zählten insbesondere die hessischen und ansbachschen Jägerkompanien. Deren für jene Zeit noch untypische Art der selbstständigen Kriegführung hatte sich auf dem bewaldeten amerikanischen Kriegsschauplatz nämlich bestens bewährt. Sehr häufig waren zuvor die deutschen Marschkolonnen in Hinterhalte und Bewegungsgefechte verwickelt, für die die klassische Lineartaktik kein Gegenmittel bot. Offiziere wie der braunschweigische Generalmajor von Riedesel versuchten sich mitsamt ihren Männern darauf einzustellen, denn: „so zeiget sich doch, daß wir eine große Menge braver Soldaten verlieren, wenn unsere Leute nicht größer agieren, um Bäume oder andere Deckung zu suchen.“ Auch lernten die Soldaten, erst zu schießen, wenn sie den Feind mit einiger Zuversicht auch wirklich treffen konnten. „Denn sonst verschiesset ein Soldat seine Patronen in weniger denn ½ Stunde ohne vielleicht den geringsten Offert.“ Kampf aus der Deckung und gezielte Schüsse – ungewohnte Taktiken für europäische Soldaten, aber sie passten sich an.
Verloren ging der Krieg am Ende freilich dennoch – und tausende deutsche Landeskinder in die Gefangenschaft. Dies war noch einmal ein Kapitel für sich, denn die Amerikaner bemühten sich sehr, gerade die Deutschen für ihre eigene Sache zu gewinnen. Dabei bedienten sie sich genau des Mittels, das von britischen Politikern bei Kriegsbeginn so gefürchtet worden war: nämlich der Vertrautheit der Landsmannschaft: Sie verbrachten die deutschen Gefangenen mit Vorliebe in deutschsprachige Regionen und ließen sie von deutschsprachigen Amerikanern bewachen. Ziel dieser Maßnahme war, wie George Washington im Januar 1777 schrieb, den Gefangenen die Freiheiten und Schönheiten Amerikas vorzuführen, so dass sie, wenn sie einst in ihre eigenen Reihen zurückkehrten, sich gegen die Briten wenden würden.

Seiten

Weitere Themen aus dieser Rubrik

Sturmgeschütz III – Die Allzweckwaffe des Heeres

Ursprünglich sollte das Sturmgeschütz III die vorrückende Infanterie unterstützen, doch im Laufe des Krieges wurde es immer öfter als „Panzerersatz“ eingesetzt... weiter